Technophobia

André Ziegenmeyer liest „Technophobia“

Technophobia

Mein Computer hat ein Bewusstsein. Ich habe es schon lange vermutet – jetzt habe ich den Beweis. Er spricht. Mit mir. Und das ist erst der Anfang.
Begonnen hat alles heute Morgen.
Ich bin früh aufgestanden, um eine Hausarbeit zu schreiben. Das Thema dreht sich mal wieder um akademisches Erbsenzählen, aber ich brauche den verdammten Schein – und übermorgen ist Abgabetag.
Gegen zehn Uhr saß ich mit einem dicken Packen Bücher an meinem Schreibtisch. Vor mir ein Block für etwaige Notizen. Daneben säuberlich aufgereiht: Bleistift, Radiergummi, Textmarker in drei verschiedenen Farben – und kleine, gelbe Klebezettel.
Ich liebe kleine, gelbe Klebezettel. Sie geben jedem Zettelstoß ein Flair von System und Ordnung – sie wirken intellektuell. Ich behaupte sogar, dass sie einen Motor der menschlichen Evolution bilden. Auch Neandertaler hätten schon kleine, gelbe Klebezettel haben sollen. Wenn wir uns bereits damals Notizen wie „Faustkeil überarbeiten“ oder „Wolf domestizieren“ gemacht hätten, hätte es bestimmt nicht tausende von Jahren gedauert, bis wir aus den kalten, zugigen Höhlen herausgekommen wären.
Zunächst machte ich gute Fortschritte. Bereits zwei Stunden später hatte ich vier handgeschriebene Seiten verfasst. Den Aschenbecher hatte ich zu dieser Zeit erst einmal ausgeleert.
Dann legte ich eine kurze Pause zum Kaffeekochen ein.
Während der braune Sirup durch den Filter sickerte, schaute ich mir den Hof vor dem Küchenfenster an. Regen troff von frisch begrünten Zweigen. Hin und wieder fand auch ein Tropfen den Weg gegen die Fensterscheibe. Am Himmel zeigte sich dasselbe Grau der letzten drei Tage.
Na, da verpasste ich wenigstens nichts, wenn ich nicht hinter dem Schreibtisch vorkam. Zwar ist Mistwetter zu keiner Zeit eine tolle Sache, aber wenn man sowieso arbeiten muss, stößt einen praller Sonnenschein nur noch tiefer ins eigene Jammertal.
Als die Kanne durchgelaufen war, ging ich wieder in mein Zimmer zurück. Auch die nächsten beiden Stunden lief soweit alles gut. Dann ging ich zur nächsten Phase über. Ich beschloss, das Ganze am Computer abzutippen, um zu schauen, wie nah ich der angepeilten Seitenzahl schon gekommen war.
Nun hasse ich eigentlich graue, summende Kästen, von denen ich nie weiß, was sie eigentlich tun. Außerdem finde ich, dass sie einen Raum ungemütlich machen. Trotzdem habe ich mir vor zwei Wochen so ein Ding gekauft. Ging wegen des Studiums nicht anders. Mittlerweile muss ich zugeben, dass Technik ziemlich praktisch sein kann – aber deshalb muss ich sie noch lange nicht mögen!
Die anfängliche Neugier hatte jedenfalls nach den ersten entnervten Stunden gescheiterter Installationsversuche und Fluchtiraden einen empfindlichen Dämpfer erhalten.
Ich tippte also eine Weile vor mich hin und musste wieder einmal betrübt feststellen, wie schnell handgeschriebene Seiten auf dem Bildschirm zusammenschrumpfen. Plötzlich war das Programmfenster weg.
Zum Glück hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon gelernt, was es mit dem Zwischenspeichern auf sich hatte. Also hatte ich nur eine halbe Seite verloren. Trotzdem. Leichter Frust machte sich breit. Mistding.
Ich klickte auf das Symbol, öffnete meine Hausarbeit erneut und fing wieder mit dem Tippen an. Fünf Minuten später ging der Monitor aus.
Der erste Faustschlag ließ die Tischplatte erzittern. Zielloses Rumdrücken auf irgendwelchen Knöpfen brachte nichts. Auch drohendes Knurren nicht. Aber ich riss mich zusammen. Lehnte mich zurück und musterte den Widerspenstigen. Hoffnung keimte in mir. Computer waren logisch. Kannten nur Nullen und Einsen. Also musste es für dieses Problem eine ganz einfache Lösung geben. Ich drückte den Ausschalter und zählte in Gedanken bis Zehn. Dann startete ich ihn wieder.
Der Monitor ging an und Windows lief hoch. Gratulierte mir kurz dazu, mit welch ruhiger Überlegenheit ich die Krise gemeistert hatte. Computer sind eben doch nur Werkzeug. Von einem Hammer lässt man sich ja auch nicht hinters Licht führen.
Schenkte mir noch schnell frischen Kaffee ein und machte mich dann wieder ans Werk. Den Inhalt der verlorenen halben Seite hatte ich schnell wieder hergestellt. Als das erste Kapitel fertig war, beschloss ich, einen Ausdruck zu machen. Zur Sicherheit. Schnell fügte ich noch Seitenzahlen und Fußzeilen hinzu, damit das Ganze auch ordentlich aussah.
Dann schickte ich den Druckauftrag ab. Nichts passierte.

Weiterlesen

Der verborgene Taufpate

André Ziegenmeyer liest „Der verbrogene Taufpate“

Der verborgene Taufpate (aus „P.L.Ü.S.C.H.“)

Grübelnd saß Stanislaus Schaluppke über die schwere Platte seines Schreibtisches gebeugt. Eine tiefe Falte zog sich quer über seine Stirn und er war sich zunehmend sicher, dass dies ein wirklich beschissener Tag werden würde. Stanislaus Schaluppke hatte deren gewiss schon mehrere gehabt, denn sein Leben bei der Behörde war kein leichtes. Dieser Tag jedoch hatte gute Chancen, zum unangefochtenen Spitzenreiter zu werden.
Zögerlich wanderte der Blick des Beamten eine Reihe verschiedener Diplome entlang, die die Wände seines Büros zierten – ohne, dass sich seine Miene dabei nennenswert aufgehellt hätte. Stanislaus Schaluppke war ein gewissenhafter Mensch.
Über die Art seines Humors mochte sich das eine oder andere sagen lassen – doch soweit es die Punkte Dienstfertigkeit und Eifer anging, war er ein wahres Musterbeispiel. Darüber hinaus wurde er jedoch nicht müde zu betonen, dass es für seine Arbeit auch ein gerütteltes Maß an Erfindungsgabe brauchte.
Stanislaus Schaluppke arbeitete beim Amt für profilstiftende Heimatbenennung – einer direkten Unterbehörde des deutschen Innenministeriums. Seine Aufgabe und die seiner Kollegen bestand darin, neu entstehenden Ortschaften möglichst skurrile Namen zu geben und auf diese Weise den lokalen Possierlichkeitsfaktor zu erhöhen. In Zeiten des wirtschaftlich ausgebauten Massentourismusses keine ganz unbedeutende Aufgabe.
Darüber hinaus konnte Stanislaus Schaluppke von sich behaupten, der älteste diensttuende Heimatbenenner zu sein – und es erfüllte ihn mit Stolz, dass einige der spektakulärsten Ortstaufen in der Geschichte der Behörde auf seine Initiative zurückgingen. Markante Namen wie Runkel, Sack, Warzen, Sargstedt, Rammelsbach, Narrenstetten, Blödesheim, Eiterbach und Magenbruch stammten direkt aus seiner Feder.
Diesmal jedoch hatte ihn sein Vorgesetzter vor eine besonders schwierige Aufgabe gestellt. Bereits an dessen süffisantem Lächeln hatte Stanislaus erkennen können, was ihm bevorstand. Es war ein offenes Geheimis, dass ihm bis zu seiner Pensionierung noch knappe zwei Wochen blieben – und augenscheinlich wollten seine Kollegen die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, ihm vorher noch kräftig eins auszuwischen.
Dafür hatten sie sich auch etwas ganz besonderes einfallen lassen.
Das Amt für profilstiftende Heimatbenennung war für ganz Deutschland zuständig. Doch innerhalb der Behörde gab es eine ganz bestimmte Lieblingsregion – ein Prestigeobjekt, ein internes Flaggschiff. Es handelte sich dabei um einen unscheinbaren Landstrich in Norddeutschland. Außer Kühen, Schafen und endlosen Wiesen gab es dort nicht sonderlich viel – doch so gut wie jeder Heimatbenenner hatte dort bereits seinen Stempel hinterlassen.
Diese Gegend jedenfalls trug den Namen „Land Wursten“ und verfügte neben Ortschaften wie Krempel und Schlingelshöhe noch über eine ganz besondere Dörfertrias. Ihre einzelnen Bestandteile waren jeweils kaum mehr als fünf Kilometer von einander entfernt – und es handelte sich dabei um die Ortschaften Fickmühlen, Drangstedt und Hymendorf.
Stanislaus wusste nicht genau, welcher seiner Kollegen sich für diese Konstellation verantwortlich zeichnete. Aber wer immer es war: Er hatte gewiss einen Orden erhalten. Die Tatsache, dass Drangstedt auf jeder Regionalkarte über gleich drei großzügig verzeichnete Parkplätze verfügte, fiel da kaum noch ins Gewicht.
Mitten zwischen diesen drei Dörfern war nun eine weitere Siedlung entstanden. Im Grunde war es kaum mehr als ein Konglomerat von wenigen versprengten Häusern – doch der Ordnung musste genüge getan werden und so brauchte diese Ansammlung natürlich einen Namen. Und genau an diesem Punkt begann Stanislaus Schaluppkes Problem.
Gramerfüllt raufte er sich die Haare. Endlose Stunden hatte er in schweigsamem Brüten verbracht und sich immer neue Namen aus dem zermarterten Hirn gewrungen. Darunter waren sogar so aussichtsreiche Kandidaten wie Trippersweiler, Knatterstein und Moppsingen gewesen. Letztlich jedoch hatte er sie alle verworfen.
In abgehackter Folge trommelten seine Finger ein nachlässiges Stakkato auf die Tischplatte. Sein Blick bohrte sich geradewegs in die gegenüberliegende Wand hinein und seine Zähne malten unablässig auf dem hinteren Ende seines behördlichen Kugelschreibers herum. In den angrenzenden Büros konnte Stanislaus bereits die feixenden Kollegen hören.
Mit einem Male hielt sein Unterkiefer inne. Stanislaus Schaluppke hatte plötzlich das Gefühl, dass irgendwo im verqueren Wirrwarr seiner Synapsen ein Streckensignal auf Grün gesprungen war. Vom Moment dieser Erkenntnis an blieb ihm gerade noch genügend Zeit, um seine Augenbrauen neugierig in die Höhe zu ziehen – da rumpelte der mentale Eilzug auch schon mitten durch sein Gehirn. So plötzlich, dass Stanislaus vor Schreck beinahe seinen Kugelschreiber zerbissen hätte.
Als der Zug davon gerumpelt war, blieb ein unscheinbares, kleines Paket zurück, das vom letzten Waggon herab gefallen sein musste. Vorsichtig traten Stanislaus’ Gedanken näher und fanden darin die Idee, nach der sie so lange gesucht hatten. Er betrachtete sie und musste zugeben, dass sie ihm gefiel – was nicht zuletzt mit ihrer Schlichtheit zu tun hatte.
Langsam nahm er das entsprechende Formular zur Hand. Dann malte er mit mühsam hervorgestreckter Zunge und der ihm eigenen Sorgfalt die Buchstaben auf das Papier. Anschließend lehnte er sich zurück und ein leichtes Lächeln huschte über sein Gesicht. Der Name des neuen Nachbardorfes von Fickmühlen, Drangstedt und Hymendorf würde ein ganz einfacher sein. Er würde schlicht und ergreifend „Duschen“ lauten.